Unser Tourguide zeigt euch den Trichter

Wir befinden uns hier an einem geschichtsträchtigen Ort, an dem Hamburgs Vergnügungsgeschichte vor über 200 Jahren ihren Anfang nahm. Und ich verrate euch gleich: Hier, wo heute die berühmten Tanzenden Türme stehen, wurde früher schon gefeiert, getanzt und das Leben genossen – ganz ohne moderne Discos und Clubs!

Ich nehme euch mit auf eine kleine Zeitreise zum legendären „Trichter“ auf St. Pauli.

Stellt euch vor, wir schreiben das Jahr 1805. St. Pauli heißt damals noch Hamburger Berg und liegt außerhalb der Hamburger Stadtmauern, direkt vor dem Millerntor. Hier entsteht ein kleiner hölzerner Pavillon, in dem Reisende und Ausflügler eine Erfrischung zu sich nehmen können. Seinen Namen verdankt das Lokal seinem ungewöhnlichen Dach: Es läuft nach oben spitz zu und erinnert die Hamburger an einen Trichter. Und so bleibt es beim Namen „Trichter“. Der kleine Pavillon wird schnell zu einem beliebten Treffpunkt. Hier trinkt man etwas, spielt Billard, liest Zeitung und genießt den Ausflug vor den Toren der Stadt.

Jetzt wird es dramatisch. Im Jahr 1813 steht Hamburg unter französischer Besatzung. Aus militärischen Gründen wird angeordnet, den Hamburger Berg zu räumen und die Gebäude abzureißen beziehungsweise niederzubrennen, damit die französischen Truppen ein freies Schussfeld vor der Stadt haben. Auch der Trichter fällt den Flammen zum Opfer. Doch die Hamburger lassen sich ihr Vergnügen nicht nehmen: Nach dem Ende der Besatzungszeit wird der Trichter wieder aufgebaut und 1820 neu eröffnet – größer und prächtiger als zuvor.

Im Laufe des 19. Jahrhunderts verändert sich der Trichter gewaltig. Aus dem gemütlichen Pavillon wird ein repräsentatives Ausflugslokal mit Biergarten, Konzertveranstaltungen und großen Sälen. Der Gastronom Theodor Mutzenbecher baut das Etablissement weiter aus. Hier finden Konzerte, musikalische Darbietungen und Tanzveranstaltungen statt. Und jetzt kommt eine beeindruckende Zahl: Der Trichter entwickelt sich zu einem großen Vergnügungsetablissement, in dem zeitweise bis zu 1.500 Gäste Platz finden. Von seinem rund 33 Meter hohen Turm konnte man weit über St. Pauli und sogar bis zur Elbe schauen. Man könnte sagen: Der Trichter war damals eine Mischung aus Biergarten, Konzertsaal, Varieté und Eventlocation.

Besonders in den 1920er-Jahren erlebt der Trichter eine aufregende Zeit. Das Publikum möchte Unterhaltung, Musik, Tanz und ein bisschen Verruchtheit. Der Trichter wird zum Varietépalast. Internationale Künstler treten auf, und die Bühne wird zum Treffpunkt einer schillernden Gesellschaft. Hier zeigt sich bereits das, wofür St. Pauli später weltberühmt werden sollte: Menschen unterschiedlichster Herkunft treffen aufeinander, um für ein paar Stunden den Alltag zu vergessen.

Der Zweite Weltkrieg hinterlässt auch auf St. Pauli seine Spuren. Der Trichter wird bei den Bombenangriffen beschädigt. Zwar wird der Betrieb nach dem Krieg zunächst wieder aufgenommen, doch die große Zeit des Hauses geht zu Ende. Schließlich verschwindet das traditionsreiche Gebäude. Heute stehen an dieser Stelle die modernen Tanzenden Türme und das Hotel am Anfang der Reeperbahn. Eine kleine Erinnerung ist geblieben: Die Straße „Beim Trichter“ trägt den Namen bis heute.

Und wenn ihr mich fragt, was den Trichter so besonders macht, dann ist es eigentlich Folgendes: St. Pauli war nicht immer das Rotlichtviertel, als das es heute viele Menschen kennen. Der Trichter zeigt uns, dass dieses Viertel schon vor über 200 Jahren ein Ort der Unterhaltung, der Begegnung und der Freiheit war. Hier trafen sich Bürger*innen, Reisende, Künstler*innen, Arbeiter*innen und Menschen, die einfach einmal etwas erleben wollten. Und genau diese Mischung hat St. Pauli geprägt. Wenn ihr also das nächste Mal vor den Tanzenden Türmen steht, schaut ruhig einmal genauer hin.

Vielleicht hört ihr in Gedanken noch die Musik aus dem alten Trichter, seht die Damen in ihren eleganten Kleidern, die Herren mit Zylinder und die Gäste, die bei einem Glas Bier den Abend genießen. Denn eines ist sicher: St. Pauli hat sich verändert – aber die Lust am Leben, an der Unterhaltung und an ein bisschen Verrücktheit ist geblieben!

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