Unser Tourguide zeigt euch das ehemalige Chinesenviertel

Wenn wir heute über St. Pauli sprechen, denken viele zuerst an die Reeperbahn, an Kneipen, Theater und das Nachtleben. Aber dieser Stadtteil hat noch viele andere Geschichten zu erzählen. Eine davon führt uns in ein Kapitel, das heute kaum noch sichtbar ist: das ehemalige sogenannte „Chinesenviertel“ auf St. Pauli.

Stellen Sie sich St. Pauli zu Beginn des 20. Jahrhunderts vor. Rund um die Schmuckstraße und die angrenzenden Straßen lebten und arbeiteten zahlreiche Menschen aus China. Hamburg war damals ein wichtiger Hafen- und Handelsplatz, und viele chinesische Seeleute kamen über den Hafen in die Stadt. Einige blieben dauerhaft und bauten sich hier ein neues Leben auf.

Rund um die Schmuckstraße entstanden chinesische Gaststätten, Geschäfte und Treffpunkte. Für die chinesische Gemeinschaft waren diese Orte nicht nur Arbeitsplätze, sondern auch soziale Treffpunkte. Hier konnte man Landsleute treffen, chinesisches Essen bekommen und ein Stück vertrauter Kultur in einer für viele zunächst fremden Umgebung erleben.

Wenn ich hier als Tourguide unterwegs bin, erzähle ich gerne, dass man sich das Viertel nicht einfach als abgeschlossene „chinesische Welt“ vorstellen sollte. Die Menschen lebten mitten im vielfältigen St. Pauli, einem Stadtteil, der schon damals von Migration und internationalem Hafenleben geprägt war.

Ein besonders dunkles Kapitel begann während der Zeit des Nationalsozialismus. Chinesische Bewohner wurden zunehmend diskriminiert und überwacht. 1944 führte die Gestapo eine große Razzia gegen die chinesische Gemeinschaft auf St. Pauli durch. Zahlreiche Menschen wurden verhaftet, misshandelt und in verschiedene Lager verschleppt. Viele verloren ihre Existenzgrundlage. Damit wurde die chinesische Gemeinschaft in Hamburg schwer getroffen.

Wenn wir heute durch die Schmuckstraße gehen, erinnert äußerlich nur wenig an dieses frühere Viertel. Genau das macht diesen Ort für eine Stadtführung so interessant: Geschichte ist nicht immer an großen Denkmälern oder historischen Gebäuden sichtbar. Manchmal liegt sie unter unseren Füßen und steckt in den Geschichten der Menschen, die hier gelebt haben.

Deshalb lohnt es sich, beim nächsten Spaziergang über St. Pauli einmal genauer hinzuschauen. Hinter den bekannten Geschichten von Reeperbahn und Hafen verbirgt sich auch die Geschichte einer chinesischen Gemeinschaft, die das Viertel über Jahrzehnte mitgeprägt hat – und deren Geschichte heute wieder stärker ins Bewusstsein gerückt wird.

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