Wenn du dich hier auf St. Pauli umschaust, denkst du wahrscheinlich zuerst an die Reeperbahn, an Kneipen, Theater, Musik und das bunte Nachtleben. Aber St. Pauli hat noch eine andere, wesentlich düsterere Geschichte. Und genau in diese Geschichte möchte ich dich jetzt mitnehmen.
Wir machen einen Sprung zurück ins Hamburg des Jahres 1903. Hier, in der damaligen Wilhelminenstraße – heute heißt sie Hein-Hoyer-Straße – lebte eine Frau namens Elisabeth Wiese. Sie war ausgebildete Hebamme und kannte sich mit Schwangerschaften und Geburten aus. Gleichzeitig war sie mit den sozialen Problemen ihrer Zeit sehr genau vertraut.
Und davon gab es viele. Für eine unverheiratete Frau konnte eine Schwangerschaft um 1900 eine soziale Katastrophe bedeuten. Viele junge Mütter hatten kaum Geld, keine Unterstützung und wussten nicht, wie sie ihr Kind versorgen sollten.
Genau diese Notlage machte sich Elisabeth Wiese zunutze. Sie bot verzweifelten Müttern an, ihre Babys gegen Geld in Pflege zu nehmen. Den Frauen versprach sie, die Kinder würden bei ihr gut versorgt oder später bei einer anderen Familie untergebracht.
Ein besonders gut dokumentierter Fall begann 1903. Ein Dienstmädchen namens Klotsche wollte ihren kleinen Sohn Wilhelm bei Elisabeth Wiese unterbringen. Wiese verlangte dafür 100 Mark – damals eine beträchtliche Summe – und stellte der Mutter sogar eine Quittung aus.
Sie versprach ihr, sich um den Jungen zu kümmern. Doch als die Mutter später nach ihrem Kind fragte, war Wilhelm verschwunden. Wiese behauptete zunächst, sie habe den Jungen zu Verwandten gebracht. Doch die Mutter glaubte ihr nicht und wandte sich schließlich an die Polizei.
Damit begann die Aufdeckung eines der erschütterndsten Kriminalfälle im Hamburg des frühen 20. Jahrhunderts. Bei den Ermittlungen stießen die Behörden auf weitere verschwundene Kinder. Wiese hatte Geld für deren Pflege angenommen, doch die versprochenen Pflegefamilien existierten offenbar nicht.
Und dann wurde es noch schlimmer. Bei der Hausdurchsuchung fanden die Ermittler unter anderem Morphium und weitere Gifte. Vor Gericht wurde schließlich deutlich, dass Elisabeth Wiese mehrere Kinder getötet hatte. Im Oktober 1904 wurde sie wegen fünffachen Kindsmordes zum Tode verurteilt.
Warum nannte man sie eigentlich „Engelmacherin“?
Der Begriff klingt heute fast harmlos – „Engel machen“. Historisch bezeichnete man damit Frauen, die sich gegen Bezahlung um Kinder kümmerten, insbesondere um unerwünschte oder uneheliche Kinder, und die diese Kinder durch Vernachlässigung oder gezielte Tötung sterben ließen.
Am 2. Februar 1905 wurde Elisabeth Wiese schließlich im Untersuchungsgefängnis am Holstenglacis durch das Fallbeil hingerichtet.
Und wenn du heute hier durch St. Pauli gehst, ist vielleicht gerade das Interessante an dieser Geschichte, dass von diesem schrecklichen Kapitel kaum noch etwas zu spüren ist.