Unser Tourguide zeigt euch die Hafenstraße

Stell dir vor, wir stehen gemeinsam auf der Hafenstraße in Hamburg, nur wenige Schritte von der Elbe entfernt. Ich nehme dich heute mit auf eine kleine Zeitreise – in ein Viertel, das wie kaum ein anderes für Freiheit, Widerstand, Seefahrt und den Kampf um bezahlbaren Wohnraum steht.

Wenn du dich hier umschaust, siehst du alte Häuser, Graffiti und das geschäftige Leben eines Hamburger Stadtteils. Doch diese Straße ist weit mehr als eine gewöhnliche Verkehrsader.

Über viele Jahrzehnte war das Leben hier eng mit dem Hafen verbunden. Seeleute kamen an Land, Arbeiter gingen ihren Schichten nach, Kneipen wurden zu Treffpunkten und unterschiedliche Kulturen begegneten sich auf engem Raum.

St. Pauli war nie das vornehme Hamburg der großen Kontorhäuser. Es war das raue, lebendige Hamburg – geprägt von Menschen, die hart arbeiteten, wenig Platz hatten und sich ihren eigenen Lebensstil bewahrten. Und genau dieses Selbstverständnis spürst du bis heute.

Jetzt wird es politisch! Stell dir das Jahr 1981 vor. Die Häuser in der Hafenstraße sind teilweise alt und sanierungsbedürftig. Die Stadt plant, Gebäude abzureißen und das Gebiet anders zu nutzen. Gleichzeitig wächst die Sorge, dass Menschen aus ihrem Viertel verdrängt werden.

Im Herbst 1981 beginnen Aktivist*innen, leer stehende Häuser in der Hafenstraße zu besetzen. Aus einem lokalen Konflikt entwickelt sich einer der bekanntesten Häuserkämpfe Deutschlands.

Die Bewohner*innen wollen die Häuser erhalten und selbst bestimmen, wie sie dort zusammenleben. Sie kämpfen für bezahlbaren Wohnraum und gegen die Vorstellung, dass wirtschaftliche Interessen wichtiger sind als die Menschen, die hier leben.

Die Auseinandersetzung eskaliert. Es kommt zu Demonstrationen, massiven Polizeieinsätzen, Barrikaden und gewaltsamen Zusammenstößen.

Besonders dramatisch wird die Lage im November 1987. Die Hafenstraße wird zum Symbol eines gesellschaftlichen Konflikts: Wie viel Selbstbestimmung darf eine alternative Gemeinschaft haben? Und wem gehört eigentlich die Stadt – den Investoren, der Politik oder den Menschen, die hier leben?

Ende November 1987 kommt es zu einer politischen Einigung. 1995 werden die Häuser schließlich an eine Genossenschaft der Bewohner*innen verkauft.

Die Hafenstraße ist damit nicht nur ein Ort der Hausbesetzungen, sondern auch ein Symbol für den Kampf um bezahlbaren Wohnraum und das Recht auf Mitgestaltung.

Heute ist die Hafenstraße ein besonderer Teil von St. Pauli. Die Nähe zur Elbe, die alten Häuser und die alternative Prägung machen sie zu einem Ort, an dem Hamburgs Geschichte bis heute sichtbar ist.

Gleichzeitig ist das Viertel Teil einer Stadt, in der Wohnraum immer wieder zum politischen Thema wird. Wer kann sich das Leben in zentralen Stadtteilen leisten? Wie viel Veränderung verträgt ein Viertel, bevor es seinen ursprünglichen Charakter verliert?

Und hier liegt eine gewisse Ironie: Ein Ort, an dem einst gegen Abriss und die Verwertung von Wohnraum protestiert wurde, ist heute selbst Teil eines beliebten touristischen Rundgangs.

Die Geschichte wird gewissermaßen zur Sehenswürdigkeit. Doch vergiss bei deinem Spaziergang nicht: Die Hafenstraße ist kein Freilichtmuseum. Hier wohnen Menschen. Die Häuser sind Lebensräume und keine bloßen Kulissen für Erinnerungsfotos.

▲ Tour buchen